Gertrud Scherf: Einlassen

Einlassen

© Gertrud Scherf

Draußen flötete der Pirol. Aber es war Januar, ein sonniger, ziemlich kalter Januarmorgen. Selbstverständlich hatte ich mich getäuscht, erst der Mai würde den Pirolruf wiederbringen. Aber ich hatte ihn gehört und deshalb öffnete ich die Haustür und schaute über den Bach in die kahlen, reifbedeckten Bäume.

Da sah ich sie auf der Hausbank sitzen. Sie war sorgfältig zurechtgemacht und in ihrem Kamelhaarmantel und den passenden Stiefeln so elegant gekleidet, dass ich mich mit meinen alten Jeans und dem fleckigen T-Shirt einen Moment lang wie Aschenputtel fühlte. Als ich sie verwundert anschaute, versuchte sie aufzustehen. Gleich ließ sie sich jedoch wieder auf die Bank sinken und sagte: „Bitte entschuldigen Sie, dass ich hier so einfach sitze. Das schöne Wetter hat mich zu einem längeren Spaziergang verlockt, aber ich bin offenbar noch nicht so kräftig, wie ich dachte. Wenn Sie so freundlich sein wollen, dann erlauben Sie mir, hier noch einige Minuten zu rasten.“

Ihre Redeweise passte zu ihrem Äußeren und besänftigte meine aufsteigende Unruhe. Ich wusste allerdings nicht, was ich tun sollte. Eigentlich drängte es mich, wieder ins Haus zu gehen und weiter zu putzen, um dann rechtzeitig mit den Mittagessens-Vorbereitungen anfangen zu können.

Als ich zögerte, sagte sie: „Bitte gehen Sie wieder rein, Sie erkälten sich sonst. Ich komme wirklich gut zurecht. Es ist nur so, dass ich vor einiger Zeit eine schwere Grippe hatte. Die ist überwunden, aber der Kreislauf ist wohl noch nicht ganz in Ordnung. Mir ist das alles furchtbar peinlich.“

Meine Frage, ob ich einen Arzt rufen solle, verneinte sie entschieden, versuchte erneut aufzustehen, setzte sich dann aber wieder und bat: „Nur noch ein paar Minuten, dann geht es wieder.“

Mittlerweile hatte der Schatten die Bank erreicht, es war kalt. Ich sah keine andere Lösung: Wider Willen bot ich der Fremden an, ins Haus zu kommen und sich dort wenigstens kurz aufzuwärmen. Sie beteuerte, mich keinesfalls belästigen zu wollen, sicher würde sie ihren Spaziergang gleich fortsetzen können. Ich holte meinen Mantel, ging wieder hinaus, und da stand sie auf und sagte: „Mir ist das so unangenehm, dass ich Sie belästige, aber vielleicht darf ich Ihr freundliches Angebot nun doch für ganz kurze Zeit in Anspruch nehmen?“

Ich führte sie in die Stube und bat sie, auf dem Sofa Platz zu nehmen. Sie dankte unter Entschuldigungen und ich fühlte mich gedrängt, ihr Wasser und Kaffee anzubieten.

„Nur, wenn Sie auch mittrinken“, sagte mein Gast, und ich ging in die Küche nebenan. Als ich mit dem Tablett zurückkam, war Farbe im zuvor sehr bleichen Gesicht der Frau, sie sagte, es gehe ihr schon viel besser, aber da ich mir die Mühe mit dem Kaffee gemacht habe, werde sie nun gern eine Tasse trinken. Sie stellte sich als Elisabeth Huber vor, wir kamen ins Plaudern, meine Abneigung gegen die unerwartete Störung schwand, und ich begann mich in ihrer Gegenwart wohlzufühlen. Höflich und aufmerksam, aber nicht neugierig, zeigte sie Interesse an Haus und Garten, sprach auch ein wenig von sich, dass sie vor einiger Zeit in die Kleinstadt gezogen sei, dass es ihr hier sehr gut gefalle. Dann fügte sie hinzu: „Ich suche immer noch nach einer sinnvollen Beschäftigung, die mir Freude macht. Es geht mir nicht ums Geldverdienen, sondern um ein Zusammensein mit Menschen.“

Als sie nach etwa einer Dreiviertelstunde aufbrach – sie fühlte sich jetzt gut und wollte kein Taxi rufen – hatten wir bereits über die Möglichkeit gesprochen, dass Frau Huber jeweils am Donnerstagnachmittag die Betreuung von Alex und Anna übernehmen würde. Ich könnte dann einen Nachmittag in der Woche in Sabines „Geschenktruhe“ arbeiten. Ich war immer gern im Laden, und Sabine hatte mich schon ein paar Mal gefragt, ob vielleicht doch zusätzlich zu den drei Vormittagen – montags, mittwochs und freitags – ein Nachmittag pro Woche möglich wäre. Aber das hatte ich bislang abgelehnt. Sicher, die Kinder waren weitgehend selbständig, trotzdem wollte ich sie noch nicht über Stunden ganz sich selbst überlassen. Wir vereinbarten, dass Frau Huber zunächst an einem Abend zum Essen kommen und die anderen Familienmitglieder kennenlernen sollte.

Als ich Thomas am Abend von meiner Besucherin erzählte und dann auch zögernd von der Möglichkeit sprach, dass sie als „Babysitterin“ zu uns kommen könnte, war er wenig begeistert.

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Kurzgeschichte, Gertrud Scherf, Gruselgeschichten, Pirol

Karin Reddemann: Bartzi forever

Bartzi forever

© Karin Reddemann

Fett und hässlich war er. Aber saugut. Schrie nach Mutti. „Bier. Wo bleibt das verdammte Bier?“ Hockte vor dem Bildschirm und hackte in die Tasten. Mutti Gerda Feyka, sein pummeliges Frauchen, trug die karierte Schürze, die sie immer trug, weil das nach ordentlicher Hausarbeit aussah. Billigdauerwelle, das Gesicht zerknautscht. Aber ihr Alfons schrieb. Schrieb sich die dicken Finger wund. Ein Roman mit dreizehn Kapiteln. Über Bartzi, den Dackel. Der lag auf dem Sofa und pupste ins Kissen. Egal. Alfons machte ihn mit Worten groß und klug. Gerda dachte an viel, viel Geld. Die teure Gesichtscreme, die nach Pfirsich roch. Dauerbesuche beim schwulen Jacko, dem sie nicht unbedingt die Hand geben wollte. Konnte aber zaubern. Mia Steierhoff ging da immer hin. „Ein Künstler. Was der mit Deinen Haaren macht.“ Mutti Gerda seufzte, öffnete die braune Flasche mit dem Feuerzeug. Hatte sie von Alfons gelernt. Etwas misstrauisch war sie schon. Ein ganzes Buch über Bartzi? Sachlich betrachtet war der Hund doch blöd. Knackte stundenlang Nüsse und fraß dann die Schale. Hatte ständig Durchfall, das lag wohl an den Bananen. Ließ sich schleppen und sabberte. Aber Alfons machte ihn zu Jungsiegfried. Sollte er. War Schriftsteller. Durfte er. Hatte schon phantastische, dochdoch, Kurzgeschichten im Internet veröffentlich. Jetzt. Der Durchbruch. Bartzi. „Danach schreibe ich Science-Fiction.“ Sagte er und schielte auf sein Bier. Mutti Gerda tätschelte seinen Unterarm. Mehr traute sie sich nicht, er war in seiner kreativen Phase. Sauer war er auch. „Du musst Dir das mal angucken, was die frigide Schlampe verzapft.“ Hatte seine Arbeit unterbrochen und im Autoren-Forum herumgeklickt. Billige Konkurrenz. Ganz übel. Hanna Dewerdin. Nannte sich Hannimanni. „Sexistischer Dreck. Kriegt wohl keinen ab.“ Gerda tätschelte noch mal, ließ ihre Finger zum Hosenschlitz wandern, schüttelte den Gedanken ab. Bloß nicht. Starrte auf Alfons, der fleißig schluckte und rülpste. „Noch eins.“ Der Mann gab alles. Fingerte sich wieder in „Bartzi-Bussels Leben“ zurück, strich sich über den Bauch und strahlte. Bin ich gut! „Spieglein, Spieglein an der Wand, Alfi ist der Beste im ganzen Land.“ Schrieb über Bartzis erste Kackproben und wünschte sich Muttis Finger zurück.

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Kurzgeschichte, Karin Reddemann, Bartzi, fett, hässlich, Bier, Dackel

Karin Reddemann: Zwergengünter

Zwergengünter

© Karin Reddemann

Kurt Bitterloh sah aus wie der Berater des Präsidenten. Vor Jahren habe ich in einem dieser genialen Gespenstercomics, die ich damals massenweise auf dem Klo meiner schrulligen Tante Elsbett von Wickertsmühle verschlang, über das brutal-tragische Ableben des Beraters Johnny Anthony Moore gelesen, der den größenwahnsinnigen Präsidenten Alf E. Wright und seine verlotterte Bande nicht von einer riesigen Eselei mit schäbigsten nuklearen Folgen abhalten konnte.

Tante Elsbett wohnte in einer gigantisch großen Altbauwohnung mit Troddeln an den Türen, sieben gemeingefährlichen Katzen und einem idiotischen Ehemann, und ich verbrachte meine Jugend in dieser wonnigen Umgebung, weil meine egoistischen Eltern die Nase voll von meiner Erziehung hatten und lieber arbeiten gingen, anstatt sich um meine Psyche zu kümmern. Ich verbrachte tatsächlich sehr viel wertvolle Zeit im Bad, auch auf zugeklapptem Klodeckel, und las meine Comics, weil ich dort sicher war vor Tante Elsbetts Viechern und vor Onkel Gerhard. Dieser Johnny Anthony Moore, den ich ohne sinnlose Überlegung einfach mal so nenne, war ein hagerer, weißhäutiger Typ mit langen strähnigen Haaren und einem Gesicht, das unglücklicherweise irgendwann in eine gewaltige Druckerpresse geraten zu sein schien. Johnny sah geradezu gruselig genesungsbedürftig aus. Wie Kurt Bitterloh, einer der Setzer im Pressezentrum Minkhooven, in dem ich Dank Onkel Oberarsch Gerhards immensem Einfluss in meinen Semesterferien als Kurierfahrer jobben durfte.

Das gefiel mir recht ordentlich. Ich hatte ziemlich viel Zeit zum Totschlagen, und so trank ich Literweise schwarzen Kaffee und rauchte den Setzern und eben auch den Redakteuren vor Ort die Zigaretten weg. Ich galt ja als mittelloser Student, offiziell zumindest, obwohl hinter meinem Rücken recht derb getratscht wurde. „Von und zu Schnorrer!“ Kurt Bitterloh nannte mich nicht so, da bin ich mir relativ sicher. Mir schmeichelte das rührende Vertrauen, das er mir, dem jungen Uni-Schnösel Jochen von Oberdoof, bei einem gemeinsamen Zigarettchen neben hammerharter Kaffeedröhnung im mittlerweile liebgewonnenen Pressezentrum Minkhooven schenkte. Urplötzlich, mittendrin im fachmännischen Geplänkel über die aktuelle Titelblatt-Brumme im Stadtanzeiger, deren Titten unüblich wirkten, wie wir einstimmig meinten, nahm jener Kurt Bitterloh mich also verschwörerisch zur Seite, faltete sorgfältig, fast ehrfurchtsvoll ein zerknittertes Blatt auseinander, das er aus der linken Arschtasche seiner khakifarbenen Cordhose gezaubert hatte, und las mir sein Gedicht vor. Ich korrigiere. Eins von seinen zahlreichen Gedichten. Allein, es sollte mir in diesem Moment Ehre genug sein, dieses eine kennen lernen zu dürfen. Es hieß: Zwergengünter, also Günter ohne th, was im Medienbereich als sehr wichtiges Kriterium dafür gilt, ob ein Journalist wirklich gut recherchiert hat oder eben einfach nur schlampig ist.

Kurt Bitterlohs Gedicht handelte vom bewegenden Schicksal eines Gartenzwerges, der im Frühjahr und Sommer und tatsächlich auch noch im Herbst im Vorgarten steht, nur eben im Winter nicht, was ihm sehr viel Kummer bereitet. Tragisch, die ergreifenden Schlussworte: „Nun ist es Winter, im Schrank verschwind’t er, Zwergengünter.“

Den sehr sensibel formulierten Anfang und den wirklich dann doch noch recht witzigen Mittelteil des Gedichts habe ich leider vergessen, mein Kopf war offen gestanden schon bei der plötzlichen dramatischen Wende gegen Ende des phantastischen Poems völlig leer, ich weiß gar nichts mehr. Einzig die letzten drei Zeilen haben sich fest eingebrannt in mein Hirn. Das meine ich nicht boshaft, ich habe Kurts geheime Leidenschaft, die Lyrik an sich, Weltliteratur im Groben auch, durchaus ernst genommen. Es lag mir fern, Zwergengünter kritisch zu zerpflücken, das kann ja jeder, ich nahm ihn als gegeben, von mir aus gut gegeben, denn ich sagte: „Mein Respekt, Meister.“ Damit brach ich mir ja nun keinen Zacken aus der Krone, damit tat ich ja auch keinem weh. Dachte ich so. Denkste. Eine Woche später erhielt ich die Quittung für meinen verdammten Respekt. Respekt! Selten so dämlich gelacht.

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Kurzgeschichte, Karin Reddemann, Zwergengünter, Zeitung, Journalisten, Uni, Kurierfahrer

Karin Reddemann: Kaninchen für Otti

Kaninchen für Otti

© Karin Reddemann

Die Kaninchen waren verantwortlich für Oma Karlas Tod. Harmlose putzige Tierchen, die Omas tragisches Ableben vermutlich nicht gewollt hätten. Warum auch? Es wäre ihnen an ihrem entzückenden Arsch vorbeigegangen. Otti sah das anders. Ottmar Reinhold Pottmann war sieben, und diese Kaninchen hatte sein Großvater ihm geschenkt. Später sollte sich herausstellen, dass alles ein heuchlerisches Spiel gewesen war. Großvater Berti, Opa Oben, dachte gar nicht daran, seinem Enkelsohn einen Streichelzoo zu schenken. Er baute unten im hinteren Bereich der großen Garage neben dem Lager, was geschäftsmäßig so genannt wurde, weil Onkel Herbert dort einen Biervertrieb hatte, einen Kaninchenstall. Tatsächlich war dieser Stall eine Todesfalle. Opa Oben, der als Treiber mit Großonkel Konrad, einem echten Jäger, auf die Jagd ging, durfte nur das Kleinzeug schießen. Die Rehböcke auf der Schulter trug Raddel, der große Bruder, heim. Aber Raddels Hund, der Beste, wie Opa Oben sagte, war ihm, dem Kleinen, treu ergeben. Deutsch Drahthaar. Greif, wie der mystische Vogel, der Stärkste, Kühnste, Größte unter der Sonne. Der Beste. Eben. Greif liebte Opa Oben.

Wenn Berti Pottmann, Franzosenkäppi schief auf dem Kopf, Zigarrenstummel exakt platziert mittig zwischen den Lippen, mit Greif spazieren ging, amüsierte er sich köstlich. Greif, aufs Wort parierend, war ein schöner Kerl, der Respekt einflößte. Mein Opa rief ihn beim Namen, und alle erstarrten. Greif, das klang wie: Fass ihn!“

Natürlich war Greif ein treuer Gefährte. Ein Killer war er auch. Wenn er seinen Namen hörte, blieb er stehen, witterte, was nicht unbedingt da war, erinnerte sich an dieses kurze Wort, das ihm zugerufen worden war. Er setzte sich und wartete. Auf den Befehl seines Herrchens. Auf den von Großonkel Konrad. Lieber noch auf den von Opa Oben.

Die winzigen plüschigen Kaninchen, die Otti geschenkt bekommen hatte und die im perfekt konstruierten Stall hinten in der großen Garage mümmelten, in der Onkel Herberts Biertransporter stand, waren für Greif bestimmt. Fünf waren es. Noch ganz winzig. Otti fütterte sie mit dem schäbigen Teil von Oma Karlas Salatköpfen, er stupste mit dem Zeigefinger vorsichtig an ihre empfindlichen Näschen, kraulte ihre flaumigen Öhrchen und wünschte sich den Sommer herbei. Da würde er sie herauslassen dürfen, vielleicht würde Opa ein kleines Freigehege bauen, der konnte so was.

Anfang Mai in aller Frühe lag eins, mittlerweile kugelrund gefressen, tot auf dem Hof. Greif stand daneben, seine Schnauze blutverschmiert. Opa Oben kraulte seine Kehle, das mochte er, seufzte zufrieden auf, blieb regungslos hocken, als Opa das Bündel Fleisch wegtrug. Otti sah es, völlig erstarrt, seine Mama nahm ihn in den Arm: „Ein Versehen, Otti, Greif ist ein Jagdhund.“

Eine Woche später, zwei Wochen später, drei Wochen später wiederholte sich alles. Greif tötete Ottis Kaninchen, und Otti, der es geliebt hatte, wenn Großvater Berti ihn mit dem großen, klugen Hund an der Leine vom Kindergarten und später auch von der Schule abgeholt hatte, hasste Greif. Wie stolz war er immer gewesen, wenn er dann diese abgegriffene braune Leine nehmen durfte, an der dieser großartige Hund hing, auf den er sich hatte setzen dürfen, als er noch kleiner gewesen war, schmächtig und leicht, er auf dem Rücken des tapferen riesigen Hundes, und Großvater Berti aufmerksam dabei.

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Kurzgeschichte, Karin Reddemann, Kaninchen, Oma, Opa, Greif, Hund, Großvater, Onkel, Killer

Manfred Schröder: Mein geliebter Park

Mein geliebter Park

© Manfred Schröder

Frühling, Frühling ist’s geworden;
der Vogel seinen Schöpfer preist.
Auf den Bänken, Pennerhorden;
von Hand zu Hand, die Flasche kreist.
Und ich denk beim Abendwein:
Vogel, oder Penner sein.

Der Stadtpark meinem Fenster gegenüber, ist nicht nur ein Platz, wo Liebespaare und Pennbrüder, die Bänke für sich gepachtet haben; Kondome überall herumliegen und des Nachts Mörder und Vergewaltiger im Gebüsch lauern. Nein, es gibt auch Schöneres zu berichten.

Es war Sonntagnachmittag. Das Wetter zeigte sich von seiner strahlendsten Seite und ich beschloss den Park aufzusuchen, da dass Stadtorchester dort gerade ein öffentliches Konzert veranstaltete. Als ich zur Tribüne kam, spielte man gerade Léhar und nur noch wenige Plätze waren frei. Ich setzte mich neben einer älteren Dame, welche sich aufmerksam der Musik hingab. Zwar bin ich kein Freund von Operetten, doch da ich guter Laune war, wandte ich mich an meine Nachbarin und sagte: „Gibt es etwas Schöneres, als im Park zu sitzen und der Musik zu lauschen?“

Sie drehte ihren Kopf und ich blickte in ein grimmiges Vogelgesicht. „Ja, es gibt. Maul halten!“

Dann schaute sie wieder zum Orchester und widmete sich mit freundlichen Gesichtszügen den Klängen.

Na, ja. Sie hat wohl Recht. Maul halten!

Nach dem Konzert beschloss ich, noch ein wenig durch den Park zu bummeln.

Und nach einigen Schritten, konnte ich einen Mann bewundern, der dort seine Kunststücke vorführte. Vor verblüfften Augen und offen stehenden Mündern, verzehrte er knirschend, doch mit Genuss, einige Trinkgläser. Neben ihm war ein Schild angebracht, welches kundtat, dass er der Mann mit dem eisernen Magen sei.

Nach der Vorstellung lud ich ihn ein, in der nahe liegenden Gaststätte ein paar Gläschen mit mir zu trinken. Der Mann blickte mich prüfend ins Gesicht und sagte dann: „Sie sind ein Witzbold!“

Ja, ja, mein geliebter Park!

 

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Kurzgeschichte, Manfred Schröder, Alltag, Park, Humor,

Manfred Schröder: Elviras kleiner Freund

Elviras kleiner Freund

© Manfred Schröder

Als Herbert wieder nach draußen blickte, stand der kleine Junge immer noch gegenüber der Bar. Die Hände in seiner zu großen Jacke vergraben, hüpfte er von einer Stelle zur anderen, als könnte er damit die Kälte vertreiben. Er mochte etwa zehn Jahre alt sein. Vielleicht war er auch jünger. Bei Kindern weiß man es nie so genau. Es war Anfang Dezember und es lag Schnee in der Luft.

Herbert wandte sich an Elvira, die alleine am Tresen saß und sich mit Hilfe eines kleinen Spiegels die Lippen schminkte.

„Siehst du den Jungen da draußen?“

Sie nickte. „Ja, ich sehe.“ Ihre Stimme klang, als müsse sie auf unnütze Fragen jedes Mal eine Antwort geben.

„Vielleicht wartet er auf jemanden“, sagte er.

Elvira schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht. So lange lässt man einen kleinen Jungen nicht bei solchem Wetter alleine im Freien stehn.“

Er blickte sie missmutig an. Er ärgerte sich über ihre Allesbesserwisserei. „Und warum steht er da?“ Er versuchte wenigstens einmal aus ihren Diskussionen einen Gewinn zu schlagen.

Elvira gähnte. „Weil er nicht weiß, wohin und auf ein Wunder wartet, dass ihn jemand mitnimmt.“

Herbert hatte nie etwas von Logik der Frauen gehalten. Obwohl ihn der Junge da draußen nicht sonderlich interessierte, wollte er sich die Sache nicht so leicht aus der Hand nehmen lassen. „Er kann da nicht ewig in dem eisigen Wetter stehen.“

„Nein, das kann er nicht“, stimmte sie ihm bei. „Hol ihn rein. Er kann sich hier drinnen aufwärmen.“

Natürlich war er wieder ins Hintertreffen geraten. Und als hätte er einen Ausweg gefunden, sagte er schnell: „Ich kann ein fremdes Kind nicht so ohne Weiteres hereinholen. Du weißt, wer hier verkehrt. Das gibt nur Probleme. Ich kann die Polizei verständigen. Die kann sich um ihn kümmern.“

Elvira steckte den Spiegel in ihre Handtasche zurück. „Die Polizei kannst du immer noch anrufen.“ Sie wusste, dass sie sich bei Herbert immer durchsetzen würde. „Geh schon. Ich werde ihm etwas zu essen machen. Auch heiße Milch wird ihm guttun.“ Sie lächelte. „Heißer Kakao ist noch besser.“

Herbert versuchte ihren Blick standzuhalten. Doch dann gab er auf, murmelte etwas vor sich hin und trottete nach draußen. Elvira beobachtete, wie er sich zu dem Jungen herunterbückte und auf ihn einsprach. Er versuchte ihn wohl zu überreden, nach Hause zu gehen. Sie standen da, wie Vater und Sohn. Dann gab er auch diesen Kampf auf. Er fasste den Jungen bei der Hand und kam in die Bar zurück.

„Hier.“ Er schob Elvira den Jungen zu, als würde er eine Last weiterreichen. „Ich bekomme aus ihm nichts heraus. Vielleicht ist er stumm.“

Er begab sich wieder hinter die Theke. Die Türe öffnete sich und eine Frau mit vor Kälte geröteten Gesicht trat ein, begleitet von einem Mann.

Sie blickte sich im Raum umher und wandte sich an Herbert: „Der Laden ist ja noch leer. Bring uns zwei Whiskey. Wir setzen uns da in die Ecke.“

Sie verzog leicht ihren Mund. „Und keinen billigen Fusel. Der Herr hier ist ein Gentleman.“ Sie blickte ihren Begleiter an. „Oder?“

Der Mann, ein langes, dürres Wesen mit Pickeln im Gesicht, lächelte verlegen. Die Frau bemerkte Elvira mit dem Kind. „Ist das deiner?“ Sie fragte mehr erstaunt, als neugierig.

Elvira überhörte die Frage. Sie legte den Arm um die Schultern des Jungen, lächelte Herbert wie eine Siegerin zu und ging in die Küche.

„Setz dich da auf den Stuhl. Ich mache dir Kakao und etwas zum Essen. Du magst doch Kakao, oder?“

Der Junge lächelte scheu und nickte. Sie beobachtete ihn von der Seite.

Während die Milch warm wurde, belegte sie zwei Brotscheiben mit Käse.

„Wenn es dir zu warm ist, kannst du ruhig deine Mütze abnehmen. Und wie heißt du?“

Der Junge nahm seine Kopfbedeckung ab, sagte aber nichts.

„Na, du kannst es mir ja später sagen.“

Sie brachte ihm das Brot und den warmen Kakao.

„So. Jetzt iss und trink erst mal.“

Aus der Bar waren jetzt mehrere Stimmen zu vernehmen. Einige von den Mädchen hatten sich wohl einen Freier aufgegabelt. Nach einigen Drinks würden sie mit ihnen nach oben in den Stundenzimmern verschwinden. Als Herbert eintrat, saß Elvira bei dem Jungen am Tisch, der über irgendetwas lachte.

„Was ist mit ihm?“

Sie streichelte sein dunkel gelocktes Haar. „Alles ist in Ordnung.“

Herbert nickte. „Da ist ein Verehrer und fragt nach dir.“ Seine Stimme klang missmutig. Er hasste es, für andere Leute den Laufburschen abzugeben.

Elvira wandte ihren Kopf. „Sag, dass ich nicht hier bin.“

Herbert runzelte die Stirn. „Er weiß, dass du hier bist. Ich hab es ihm gesagt.“

Elvira lächelte. „Du siehst doch, dass ich schon einen Gast habe. Sag es ihm.“

Herbert wollte etwas erwidern. Doch dann schluckte er seinen Groll hinunter und ging in die Bar zurück. Er war weniger wütend auf Elvira als auf sich selbst. Weil er bei ihr immer nachgeben würde.

Kurz darauf kam sie mit dem Jungen aus der Küche. Die anderen Mädchen blickten verstohlen zu ihr herüber, schwiegen aber.

„Wir sehen uns morgen“, sagte sie zu Herbert. Und zu ihrem kleinen Begleiter gewandt: „Komm, Tommy.“

Als sie nach draußen traten, war die Erde weiß. Es hatte geschneit.

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Kurzgeschichte, Manfred Schröder, Alltag, Elvira, Freund, Herbst, Schnee, Bar, Junge

Manfred Schröder: Urho

Urho

© Manfred Schröder

Keiner wusste, wie alt Urho war. Solange man zurückdenken konnte, lebte er in der kleinen Hütte am Rande des Waldes, wo die Felder der Bauern lagen. Einmal in der Woche befestigte er den kleinen Wagen hinten an seinem altem Fahrrad und fuhr hinab ins Dorf, um Lebensmittel für die ganze Woche einzukaufen. Anscheinend gab es niemand, der sich um ihn kümmerte. Nur der Eric, der Sohn des Bauern, dem auch die Hüte gehörte, ging des Öfteren hinauf zu ihm, um Gesellschaft zu leisten. Er wusste, dass Urho einsam war. Eric hatte meist eine Flasche Koskenkorva* dabei, die er aus dem großen Vorrat seines Vaters nahm. Der Schnaps tat Urho gut und er wurde gesprächiger. Urho hatte nicht immer genug Geld, um sich eine Flasche zu kaufen. Seine Rente lag an der untersten Grenze. Erics Vater wusste von dem Schnaps, sagte aber nichts. Das Holz für den langen Winter, säuberlich aufgestapelt an der Rückwand der Hütte, hatte Eric gespalten. Urhos Kräfte hatten in letzter Zeit nachgelassen und sein Husten war schlimmer geworden. Er konnte das Rauchen nicht mehr lassen. Früher hatte er als Knecht für Erics Vater gearbeitet. Das lag schon lange zurück. Doch er durfte weiter in der Hütte wohnen, ohne dass er dafür etwas bezahlen musste.

Urho war sehr geschickt im Schnitzen, trotz des Rheumas, as in seinen Fingern schmerzte. Kleine, einfache Figürchen aus Holz, meist Tiere des Waldes, Bär, Wolf und Rentier, bevölkerten das kleine Regal, in dem auch einige Bücher standen. Auch in Erics Zimmer gab es viele Figuren.

Einmal gab ihm sein Vater ein paar Euro für Urho mit. „Er braucht sie nicht umsonst für uns zu schnitzen.“

Als Eric Urho das Geld gab, sagte er nur, dass es von seinem Vater war, ohne die Figuren zu erwähnen. Er wollte Urho nicht beleidigen, weil es doch Geschenke waren.

*

Der Herbst hatte begonnen. Urho liebte diese Jahreszeit mit all den Farben. In diesem Jahr sprach er zum ersten Mal vom Tod, als er mit Eric auf der klobigen Holzbank vor der Hütte sass. „Diesen Winter werde ich nicht mehr überleben.“

Er kramte aus seiner alten Joppe einen zerknüllten Zettel. „Ich habe hier aufgeschrieben, dass ich im Walde nahe der Hütte, begraben werden möchte. Gib den Zettel dem Pfarrer.“

Und nach einer kleinen Pause, wobei er Eric forschend ansah. „Wirst du mein Grab pflegen?“

Eric dachte noch nicht an den Tod und wusste nicht, was er hätte sagen sollen. Doch er nickte.

Saß man auf der Holzbank, sah man die ordentlichen Felder und dahinter den großen See, auf dem man ab und zu ein Fischerboot erblicken konnte. Es war noch nicht lange her, als Urho selbst des Abends die Netze ausgeworfen hatte und am nächsten Morgen in der Frühe mit Tagesrationen Fisch zurückgekehrt war. Wenn der Winter sehr kalt war, konnte man über den See zugefrorenen bis zur nächst größeren Stadt gehen.

Es kam öfter vor, dass Urho übergangslos das Thema wechselte und anfing vom Krieg zu sprechen. Vom Winterkrieg. Es war stets die gleiche Geschichte. Vielleicht war es das einzige Kriegserlebnis, das in seiner Erinnerung geblieben war. Eric kannte sie auswendig. Doch er hörte jedes Mal aufmerksam zu. Sie musste für Urho wichtig sein. Urho gebrauchte nie das Wort Ryssä – dieses Wort gebrauchen hier Menschen, die Russen nicht leiden mögen -, sondern sprach von Vladimir, den er im Nahkampf in den Bauch geschossen hatte und der in seinen Armen gestorben war.

„Und ich habe ihm versprochen nach Olga zu suchen, um ihr zu sagen, dass er sie liebt. Doch weißt du, wie viele Olgas es in Russland gibt? Und Russland ist so groß.“ So endete Urhos Geschichte immer.

Eric schwieg und stellte sich vor, wie schwer es sein müsse, Vladimirs Olga im so großen Russland zu finden.

*

Als Ende November der erste dichte Schnee fiel, fand Eric Urho tot in seinem Bett. Die rechte Hand, die herunterhing, hielt noch die Zeitung und die billige Nickelbrille war seitlich an seinem Gesicht heruntergerutscht. Vielleicht war Urho schon seit ein paar Tagen tot. Im Kachelofen brannte kein Feuer mehr und in der Hütte war es eisig kalt. Eric betrachtete das eingefallene und unrasierte Gesicht mit der großen, starken Nase und lief nach Hause.

„Urho ist tot“, sagte er zu seinem Vater, der im Stall arbeitete. Dann ging er auf sein Zimmer und weinte.

* Koskenkorva ist der Lieblingsschnaps der Finnen.

*** ***

*

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Kurzgeschichte, Manfred Schröder, Alltag, Finnland, Koskenkorva, Schnaps

Manfred Schröder: Vier Uhr nachmittags

Vier Uhr nachmittags

© Manfred Schröder

Es war vier Uhr am Nachmittag. Um diese Zeit gab es nur wenige Gäste in der Kneipe. Die meisten saßen vor dem Tresen und unterhielten sich. An einem der Tische befand sich ein junges Paar, welches stumm dasaß und sich wohl nichts zu sagen hatte. Am Nebentisch kämpfte ein Mann verzweifelt gegen seinen Rausch an. Hin und wieder fiel sein Kopf nach vorne, den er dann jählings nach hinten schnellen ließ. Der Wirt, groß und hager, blickte unter buschigen Augenbrauen durchs Fenster, an dessen Scheibe die Novembertränen eines verregneten Tages herunterliefen. Das Schild mit der Aufschrift „Zum alten Seemann“ schaukelte oberhalb des Fensters hin und her. Missmutige Passanten eilten, den Kopf nach unten gesenkt, vorüber.

Für eine Weile hatte niemand ein Wort gesprochen. Dann fing der alte Mann mit seiner hohen Fistelstimme wieder an: „Mir kann keiner was erzählen, was Malochen heißt. Hab mein Leben lang im Hafen gearbeitet. Säcke geschleppt. Hundert Kilo.“

Ein junger und kräftiger Bursche mit gutmütigem Gesicht lachte, denn der alte Mann war klein und dürr.

Der Alte blickte mit seinen wässerigen Augen wütend zu dem Lacher: „Ja, lache nur. Damals hatten sie noch Respekt vor mir.“

Der junge Mann lächelte und hob zum Zeichen der Versöhnung seine linke Hand. Und zum Wirt gewandt: „Geben Sie dem Opa noch ein Bier. Auf meine Rechnung.“

Der Wirt nickte. Die anderen hatten nur kurz aufgeschaut und setzten ihr Gespräch fort. Man sah dem alten Mann an, wie er mit sich kämpfte. Ob er auf die Bemerkung „Opa“ reagieren sollte oder das Bier annehmen. Er entschied sich für das Bier.

Der Wirt schob dem Alten das Glas zu. „Zwei Bier stehen schon auf Ihrem Deckel.“

Der Alte murmelte undeutlich vor sich hin. Und dann: „Wo ist meine Zigarettenschachtel? Die lag eben noch hier. Da waren noch Zigaretten drin.“ Er blickte vorwurfsvoll in die Runde.

Der Wirt atmete tief durch. „Niemand hat Ihre Zigaretten genommen. Ich habe die Schachtel weggeworfen, weil sie leer war.“

„Da bin ich aber anderer Meinung,“ sagte der Alte. „Ich bin doch nicht blöd.“

„Das hat niemand behauptet“, gab der Wirt ruhig zur Antwort.

Jedes Mal, wenn der alte Mann seinen Mund auftat, sah man vereinzelte Zahnstümpfe in einem großen dunklen Loch.

Der Mann zur Linken schaute unwirsch zu ihm herüber. „Da!“ Er schob ihm eine Zigarette zu. „Und halte endlich dein Maul. Dein Gerede geht einem auf den Wecker.“

Der Alte schluckte und versuchte sich aufzurichten. „Ich bin es nicht gewohnt, dass man so mit mir spricht. Wenn Sie wüssten, wer ich bin, dann …“

Der Wirt legte eine Streichholzschachtel neben die Zigarette. „Hier. Und machen Sie, was er Ihnen gesagt hat.“

Der Alte blickte einen Augenblick in das ruhige Gesicht des Wirtes. Seine linke Hand zitterte, als er die Zigarette zum Mund führte. Erst beim dritten Mal fing das Streichholz Feuer.

*

Die Tür wurde aufgestoßen. Eine Frau trat ein, begleitet von einem kalten Windhauch. Sie grüßte zum Wirt hin. „Bring mir einen Kaffee und einen Cognac.“

„Gut. Ich dachte schon, du kommst nicht.“

Die Frau zuckte mit den Schultern und ging nach unten, wo sich die Toiletten befanden. Der Wirt machte sich an der Kaffeemaschine zu schaffen und warf einen kurzen Blick nach draußen, wo es immer noch regnete. Die Straße war leer und glänzte.

Der alte Mann rutschte vom Hocker. Er war nicht mehr ganz sicher auf seinen Beinen. Sein Blick streifte den Wirt, der ihn beobachtete. Dann ging er zur Treppe, welche die Frau heruntergegangen war.

„Sie können da jetzt nicht nach unten gehen“, sagte der Wirt.

„Und warum nicht?“

„Weil sich da unten eine Dame befindet. Sie müssen schon warten bis sie wieder heraufkommt.“

Die Männer am Tresen unterbrachen ihr Gespräch und blickten abwechselnd zum Wirt und zum alten Mann.

Dieser setzte eine kämpferische Miene auf. „Halten Sie mich für einen Sittenstrolch?“

Der Wirt wischte mit einem Lappen über die Theke. „Nein“, sagte er ruhig. „Doch Sie müssen warten, bis sie wieder heraufkommt.“

Jemand sagte: „Opa, wir kennen dich alten Casanova“, und es wurde gelacht.

Der alte Mann legte eine gewisse Vornehmheit in seine Stimme: „Ich war immer ein Gentlemen Frauen gegenüber.“

Er versuchte würdevoll auf seinen wackeligen Beinen zu stehen und hielt dem Blick des Wirtes stand.

„Ich hatte eine vornehme Erziehung.“

Für einen Moment zog ein Lächeln über sein von Falten überzogenes Gesicht. Als hätte er einen Sieg errungen.

Dann ging er auf den jungen Mann zu, der ihm ein Bier gespendet hatte, und setzte sich neben ihn.

„Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, wenn ich neben Ihnen Platz nehme“, sagte er, während sein Blick an dem halb gefüllten Glas Bier haften blieb, welches vor dem jungen Mann stand. Dieser schüttelte lächelnd seinen Kopf. Er begriff, und sagte zum Wirt: „Geben Sie ihm noch ein Bier und schreiben Sie seine beiden anderen auch auf meinen Deckel.“

Der alte Mann versuchte Würde zu bewahren. „Ich weiß, was Sie jetzt denken.“ Er warf einen kurzen Blick zum Wirt. „Doch es ist nicht so. Ich hatte nur ein paar Ausgaben gehabt. Doch das Geld für die Biere gebe ich Ihnen zurück. Ich bin noch niemanden etwas schuldig geblieben.“

Der Wirt brachte das Bier und sah die Frau die Treppe heraufkommen. Er wandte sich an den Alten: „So, Sie können jetzt heruntergehen.“

Der Alte versuchte dem Wirt in die Augen zu schauen. „Ich bin ein freier Mann und kann selbst bestimmen, wann ich nach unten gehe.“

Der Wirt nickte. „Das sind Sie.“

Die Frau hatte sich frisch gemacht. Sie war nicht mehr ganz jung und musste in ihrer Jugend eine Schönheit gewesen sein. Sie ging zu einem der freien Tische und legte den noch feuchten Mantel auf einen Nebenstuhl und setzte sich. Der Mann am Nebentisch hatte den Kampf gegen seinen Rausch verloren. Sein Kopf lag zwischen beiden Armen und sein Atem war geräuschvoll und unregelmäßig. Das junge Paar erhob sich und ging zum Tresen, wo der Mann beim Wirt die Rechnung bezahlte.

Die Frau zündete sich eine Zigarette an und rückte den Stuhl dann so, dass sie die Tür und das Fenster im Blick hatte. Kurz darauf kam der Wirt mit dem Kaffee und dem Cognac. Er stellte das Tablett auf den Tisch und setzte sich neben sie. Er zündete sich ebenfalls eine Zigarette an. Einen Augenblick saßen beide ohne ein Wort zu sagen da.

„Du weißt, dass heute der Tag seiner Entlassung ist“, unterbrach er das Schweigen. „Fünf Jahre sind es her. Eine lange Zeit.“

Sie reagierte nicht sofort auf seine Bemerkung. Als müsse sie sich über seine Worte erst klar werden. „Ich weiß.“

Er schaute dem Rauch seiner Zigarette nach, der kräuselnd nach der Decke schwebte. „Du hättest ihn abholen können.“

Sie nahm einen Schluck Kaffee, und leerte das Cognacglas in einem Zug. „Das hätte ich. Doch jetzt ist er an der Reihe. Er weiß, wo er mich finden kann. Es liegt jetzt alles an ihm.“

Der Wirt zuckte mit seiner Schulter. „Ich verstehe. Übrigens: wenn du hungrig bist, geh in die Küche und mach dir etwas.“

Sie nickte lächelnd. „Ja, danke.“

Er erhob sich, blickte nachdenklich auf sie herunter und begab sich wieder hinter die Theke.

*

Das letzte Bier hatte den alten Mann noch aggressiver gemacht. Sein ausgestreckter Zeigefinger schlug gegen die Brust des jungen Burschens.

„Hast du jemals“, seine hohe Fistelstimme gellte schrill und unangenehm, „hast du jemals vor einer Dame den Hut gezogen?“

Der junge Mann war die Gutmütigkeit in Person. „Nein, das hab ich nicht. Denn ich besitze keinen.“

Einige lachten. Das brachte den alten Mann noch mehr in Wut und er warf mit unflätigen Bemerkungen um sich. Durch seine unkontrollierten Bewegungen verlor er das Gleichgewicht. In letzter Sekunde konnte ihn der Blondschopf noch auffangen.

Ein kurzes Lächeln ging über das Gesicht des Wirtes. Dann sagte er mit seiner ruhigen und ernsten Stimme: „Ich denke, es ist besser, dass Sie jetzt nach Hause gehen.“ Er blickte zum Fenster hinaus. „Es regnet nicht mehr. Und Sie sagten mir, dass sie nicht weit von hier wohnen.“

Der alte Mann wurde trotzig wie ein Kind, dem man befohlen hat, ins Bett zu gehen. „Ich bin Gast wie jeder andere hier. Sie können mich nicht so ohne Weiteres rausschmeißen. Ich kenne meine Rechte.“

Der Wirt kam langsam hinter der Theke hervor. „Ja, die kennen Sie. Trotzdem ist es besser, Sie gehen jetzt.“

Die anderen schauten grinsend auf den Alten.

„Gut, ich gehe. Der Klügere gibt nach. Doch früher hätte das niemand mit mir gewagt.“ Er schwankte, doch er hielt sich auf seinen Beinen. „Und ich bin Ihnen wohl nichts schuldig, oder?“

„Nein, Sie sind mir nichts schuldig. Alles ist bezahlt.“ Er ging zum Garderobenständer und nahm den Mantel und Hut des Alten. „Kommen Sie, ich helfe Ihnen.“

Dieser blickte ihn mit verkniffenem Mund an. „Ich brauche keine Hilfe. Von niemandem.“

Der Wirt nickte. „In Ordnung.“ Er reichte ihm die Kleidungsstücke.

Der Alte ging schwankend zur Türe. Bevor er nach draußen trat, drehte er sich noch einmal um. „Und vergessen Sie nicht, junger Mann. Ich bleibe niemandem etwas schuldig. Sie haben mein Wort darauf.“

Dieser hob freundlich seine Hand. „Klar. Geht in Ordnung.“

Einen Augenblick blieb der Alte noch vor dem Fenster stehen. Dann verschwand er um die Ecke.

*

Der Wirt schloss die Tür und ging hinter den Tresen zurück. Sein Blick wanderte wieder nach draußen und er gewahrte das Taxi, welches auf der gegenüberliegenden Straßenseite anhielt. Er schaute zur Frau, die den Wagen auch gesehen hatte. Doch sie zeigte keinerlei Gefühlsregung. Die Wagentür öffnete sich und der Wirt erkannte trotz der vielen Jahre, dass es Dirk war, der ausstieg. Das Taxi fuhr davon. Dirk blieb eine Zeitlang unbeweglich draußen stehen und blickte zur Kneipe herüber. Dann löste sich sein massiger Körper und er überquerte mit schweren Schritten die Straße. Die anderen Gäste nahmen von alledem keine Notiz und redeten weiter. Vor dem Fenster blieb Dirk stehen. Er schaute an den Wirt vorbei und bemerkte die Frau im Hintergrund. Ihre Gesichter waren ausdruckslos. Nur ihre Augen redeten miteinander.

„Er wird nicht reinkommen“, dachte der Wirt. „Und das ist gut so.“

Er bückte sich, als suche er etwas auf den Boden. In dieser Haltung verharrte er eine Weile. Als er sich wieder aufrichtete und nach draußen blickte, war Dirk verschwunden.

Die Frau stand auf. Sie zog ihren Mantel an und ging zur Tür. „Ich bezahle morgen.“

Der Wirt nickte. „In Ordnung.“

Die Frau trat ins Freie.

*

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Manfred Schröder: Francois Villon

Francois Villon

© Manfred Schröder

Francois Villon, der du so unsterblich bist wie Till Eulenspiegel. Erinnerst du dich noch an mich? L’Allemand, der sein Vaterland (wie schrecklich kann das Wort Vater klingen!) wie einen zu engen Mantel abgelegt hat. Weißt du noch? Pont Neuf, wo wir uns das erste Mal trafen. In der Tasche hatte ich Sartre und in der Hand eine Flasche Rotwein. Ich sehe noch dein spöttisches Lächeln um deinen Mund. ‚Le bouche‘ wird Frankreich niemals kennenlernen, wirst du gedacht haben. Und dann diese unendlichen Debatten (wie hiess noch das kleine Café in der Rue de la Huchette?) über Sein und Nichtsein, während der schwarze Straßenfeger einer sinnvollen Arbeit nachging. Du saßest nur da und lächeltes spöttisch. Du verstandest eher den Mann aus Afrika als unser blutleeres Gerede. Doch du holtest uns mit deiner Gitarre und einem Lied wieder auf die Erde zurück. Oder beim verrückten ‚Grafen von Paris‘, wo sich alles traf, das keinen Rang und Namen hatte.

Und was war meine größte Enttäuschung, worüber du auch gelacht hast? Erinnerst du dich? Dass ich im schönen Paris keinen philosphischen Clochard begegnet bin. Ja. Die haben andere Sorgen und stinken ebenso wie in Rom oder London. Das passiert, wenn man Romantiker ist

Das letzte Mal begegneten wir uns in der ‚La Sante‘. Hattest du wieder einen Tresor aufgebrochen, wie einst in der Sakristei der Kapelle des College de Navarra im Quartier latin? Ich weiß es nicht mehr. Ich saß wegen einer simplen Rauferei. Dann verlor sich deine Spur. Dieses und jenes habe ich über dich gehört. Doch es wird viel erzählt. Es wäre schön zu erfahren, was aus dir geworden ist. Frau und Kind? Vielleicht würde es auch dir guttun. Wie dem auch sei, du wirst mir immer ein Bruder im Geiste bleiben. Und niemand weiß, ob wir uns eines Tages nicht wiedersehen. Dann trinken wir Rotwein, ohne Sartre.

Es ist so vieles geschrieben worden über dich. So lass mich denn auch die Geschichte deiner Geburt erzählen.

Als in Rouen Johanna, eine Heilige oder auch nur eine Närrin, den Flammen einer teuflischen Inquisition übergeben wurde, und der Herr Valois, Karl VIII. sich aus Scham betrank, vielleicht auch der liebe Gott, betraten drei Vagabunden die Spelunke ‚Bei Margot‘, wo du in einem dunklen Nebenraum das flackernde Licht einer brennenden Kerze erblicktest. Als sie von deiner Geburt hörten, kamen sie zu dir.

Nachdem sie dich lange betrachtet hatten, sagte Regnier der Troubadur: „Wir sind zwar nicht die Heiligen Drei Könige. Doch ein Geschenk will ich dir machen“, und er legte seine Gitarre zu deinen Füßen.

Der entlaufene Mönch Thieboult nickte. „Auch ich will nicht abseits stehen. Hier, nimm dieses Buch mit den liderlichen Liedern, welches das Volk von Paris liebt und singt.“

Pernant, der dritte im Bunde räusperte sich. „Ich bin nur ein Galgenvogel, der oft dem Strick entfliehen konnte. Doch der ein Messer gut zu führen weiß. Ich überreiche dir diesen Dolch. Du wirst ihn eines Tages bestimmt nötig haben.“

Als die drei nach draußen traten, waren die dunklen Wolken verschwunden und der Himmel war mit Sternen besät. Deine Mutter stand da und wunderte sich. Einen ‚Josef‘ gab es nicht mehr. Der hing am Mount Foucon* und wehte sanft im Wind.

Drei Vagabunden waren es, die das Schicksal für dich bestimmt hatte.

* Der Mount Foucon war zur Zeit Villons eine Hinrichtungsstätte in Paris.

*

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Manfred Schröder: Kalle

Kalle

© Manfred Schröder

Die Schulglocke war kaum verstummt, als schon die ersten Jungs schreiend und grölend aus dem Schulgebäude stürmten. Denn ein jeder wollte so schnell wie möglich nach Hause. Ferien! Sommerferien! Zehn lange Wochen kein Klassenzimmer und keine Lehrer.* Und so mancher musste aufpassen, dass er nicht unter den Füßen seiner Kameraden geriet. Denn jetzt nahm keiner mehr Rücksicht auf den anderen. Sie stürmten voran wie eine Herde durstiger Büffel, die Wasser gewittert hatten. Natürlich fiel immer wieder jemand hin. Doch wie ein Wunder war außer einigen Hautabschürfungen nichts Schlimmeres passiert. Einige Lehrer sahen mit Unbehagen von den Fenstern diesem unübersichtlichen Treiben zu und wandten sich schließlich erleichtert ab. Auch dieses Jahr war alles wieder gut gegangen. Bald war der große Schulhof leer. Auch die Lehrer verließen einer nach dem anderen das Gebäude und man sah ihnen an, dass auch sie glücklich waren.

Nur Kalle stand noch am Schulhoftor und wusste nicht, was er machen sollte. Er hatte Angst nach Hause zu gehen. Er war sitzen geblieben und musste die sechste Klasse wiederholen. Nein, er wollte jetzt nicht seinen Eltern vor die Augen treten. Besonders seinem Vater nicht, für den bloß Leistung zählte. Ja, er war ein Versager. Wenn er wenigstens ein guter Sportler wäre. Einige aus seiner Klasse waren nicht viel besser als er. Doch sie glänzten durch körperliche Leistungen.

Er zuckte zusammen, als ihn jemand auf die Schulter klopfte. Es war der Hausmeister Lehtonen. Ein freundlicher Mann, mit einem großen Schnurrbart. „Na, Kalle. Was stehst du hier noch herum und machst solch ein trauriges Gesicht? Freust du dich denn gar nicht auf die Ferien?“

Kalle fühlte, wie Tränen in ihm aufstiegen. Doch er unterdrückte sie und wollte niemandem seinen Kummer zeigen. Er blickte nur kurz auf und sagte: „Doch, doch.“

Dann nahm er seine Tasche und verließ den Schulhof. Hausmeister Lehtonen blickte ihm sinnend nach. „Kopf hoch!“, rief er. „Alles wird gut gehen.“

Kalle drehte sich nicht um und erwiderte nichts. Gesenkten Hauptes ging er die Straße entlang. Sein Kopf war wie leer und er konnte keinen richtigen Gedanken fassen. Sein Magen schmerzte und seine Arme und Beine waren wie mit Blei gefüllt. Immer wenn er Angst hatte und nicht weiter wusste, stellte sich dieser Zustand ein.

Er stieß gegen eine dicke Frau, die ihm mit zwei vollen Einkaufstüten entgegen kam.

„Hast du keine Augen im Kopf?“ Sie blickte ihn böse an.

Kalle murmelte eine kaum hörbare Entschuldigung und ging schnell weiter. Er wandte sich dem Stadtpark zu. Der hohe Kirchturmuhr hinter den Bäumen zeigte kurz vor zwölf. Es war warm und die meisten Bänke waren besetzt. Einen Augenblick stand er unschlüssig da und blickte verzagt um sich. Er wollte den Park schon wieder verlassen, als er das kleine Mädchen sah. Es stand auf der Parkwiese vor einem hohen Birkenbaum und er bemerkte, dass es weinte. Niemand schien sonst darauf zu achten.

„Da ist noch jemand, der traurig ist“, dachte Kalle. Einen Moment blieb er noch, auf das Mädchen schauend, stehen. Dann, er wusste es selber nicht warum, ging er auf es zu. Es schien ihn nicht zu bemerken, als er neben ihm stand. Kalle schluckte ein paarmal und hustete, um auf sich aufmerksam zu machen.

„Warum weinst du?“, fragte er.

Sie hob ihren Kopf und die Tränen liefen noch immer ihren pausbäckigen Wangen herunter. Sie schaute ihn mit verzweifelten Augen an und zeigte den Baum hinauf. „Mein Luftballon.“

Kalle trat ein wenig zurück und blickte nach oben. Dann sah er ihn. In den obersten Zweigen hatte er sich verfangen und wehte im leichten Wind hin und her. Es war ihm, als ob der Baum bis in den Himmel reichte. Er blickte auf das weinende Mädchen und ihm war klar, dass es sich nichts sehnlicher wünschte, als den Ballon zurückzubekommen. Er blickte wieder zu der Spitze des Baumes hinauf. Dann fasste er den Entschluss: Ich werde den Baum hinaufklettern und ihn herunterholen!

Kaum war der Gedanke in seinem Kopf, überfiel ihn Panik. Er war erschrocken über sein eigenes Vorhaben.

„Das schaffe ich doch nicht. Ich, Kalle, den die anderen einen Angsthasen nennen.“

Das Mädchen blickte ihn mit bittenden Augen an. Er atmete tief und versuchte seiner Angst Herr zu werden. Dann nickte er und lächelte. „Warte, ich hole ihn dir.“

Dankbar erwiderte das Mädchen sein Lächeln.

Doch so einfach war es nicht. Der unterste Ast war viel zu hoch. Von der Erde aus konnte er ihn nicht erreichen. Er blickte um sich, in der Hoffnung irgendeinen Gegenstand auszumachen, auf den er sich stellen konnte. Doch er konnte nichts entdecken. Dann bemerkte er den Kiosk. Vor der Hinterwand waren ein paar leere Kisten aufgestapelt.

„Ick komme gleich zurück.“

Er wusste gar nicht ihren Namen.

„Wie heißt du?“

„Ilona“, antwortete sie schüchtern.

Kalle lächelte. „Das ist ein schöner Name. Ich heiße Kalle. Pass auf meine Tasche auf. Ich glaube dort am Kiosk finde ich etwas, worauf ich mich stellen kann. Denn der Ast ist zu hoch für mich.“

Das Mädchen nickte. Als er beim Kiosk angekommen war, schaute er sich vorsichtig um und nahm dann eine der Kisten. Er atmete erleichtert auf. Sie war hoch genug. Er traute sich nicht zu fragen, ob er eine nehmen dürfte, denn er befürchtete, dass die Frau im Kiosk, es ihm abschlagen würde. Wie ein Dieb kam er sich vor, als er pochenden Herzens zum Mädchen zurückging. Ilona sah ihn erwartungsvoll an. Es war nicht schwer zu erraten, was in ihm vorging. Noch einmal holte er tief Luft und stellte dann die Kiste an den Baum. Als er oben stand, packte ihn wieder die Angst und er fühlte sich unfähig seine Arme zu bewegen.

„Noch kann ich herunterspringen und einfach davonlaufen“, dachte er. „Ausser dem Mädchen, das ich gar nicht kenne, weiß ja niemand von der Sache.“

Doch eine Stimme in ihm sagte: „Laufe nicht wieder davon. Versuche es wenigstens.“

Sein Atem ging schwer und seine Stirn war feucht. Noch eine Sekunde zögerte er. Dann umfasste er den dicken Ast, schwang sein rechtes Bein über ihn und zog sich hoch. Es war nicht einfach, das Gleichgewicht zu halten und er wäre fast wieder nach unten gerutscht. Doch er konnte noch schnell einen anderen Ast ergreifen und zog sich weiter nach oben. Schwer atmend, aber glücklich hatte er die erste Hürde genommen. So hangelte er sich, ohne nach unten zu schauen, die ersten Meter nach oben. Bald wurden die Äste immer schwächer, so dass es schwer war, einen geeigneten zu finden, der ihn tragen konnte. Auch der Hauptstamm wurde immer dünner. Doch ihm war klar, dass er nicht mehr zurück konnte. Um alles in der Welt nicht. Noch fand er Äste, die stark genug waren. Er war schon so weit nach oben gekommen, dass er durch das Dickicht der Blätter den Luftballon sah. Doch es schien ihm, als sei er noch in weiter Ferne.

Er hörte Stimmen von unten. Man war auf ihn aufmerksam geworden. Jemand sagte: „Schau mal, was der Junge da oben macht.“

Und ein anderer rief: „Komm sofort herunter!“

Doch Kalle kümmerte sich nicht darum. Er musste zu den oberen Ästen gelangen, wo sich der Luftballon befand. So kletterte er weiter nach oben und vertraute darauf, dass ihn die immer dünner werdenden Äste halten würden. Sein Blick wanderte nach oben und er sah den Luftballon zum Greifen nahe. Kalle hielt inne. Nach unten wagte er nicht zu blicken. Für einen Moment schloss er seine Augen.

„Nur noch ein Ast“, hämmerte es in seinem Kopf, „dann brauche ich nur noch meine Hand auszustrecken.“

Er öffnete seine Augen und ließ den rechten Fuß vorsichtig über den Ast gleiten. Mit der linken Hand hielt er sich an oberen Zweigen fest und beugte sich langsam nach vorne. Er gab sich einen kleinen Ruck und die Finger konnten die Schnur des Ballons fassen. Ein nie gekanntes Glücksgefühl bemächtigte sich seiner und sein Herz klopfte wild.

Von unten hörte er, wie jemand rief: „Er hat ihn!“

Kalle atmete tief durch und nahm seinen Fuß, die Schnur fest in der Hand haltend, von dem sich gefährlich nach unten neigendem Ast. In diesem Augenblick rutschte sein Fuß zur Seite. Er riss die rechte Hand nach oben, um sich irgendwo an Zweigen festzuhalten. Doch er fasste ins Leere. Mit einem Schrei stürzte er, auf mehreren Ästen aufschlagend, in die Tiefe. Er fühlte nur noch kurz einen Schmerz. Dann umfing ihn eine tiefe Dunkelheit.

Als die Schule wieder begann, fehlte ein Junge und würde nie mehr zurückkommen.

* Hier in Finnland dauern die Hauptferien so lange, weil der Sommer so kurz ist und der Winter sehr lang.

*

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Manfred Schröder: Großmutters Schätze

Großmutters Schätze

© Manfred Schröder

Als wir noch Kinder waren, zeigte uns Großmutter des Öfteren ihre kleinen Schätze, die sie im Laufe ihres Lebens gesammelt hatte. Es waren nicht wenige, die sich in den Schubläden, im Keller und auf dem Dachboden befanden. Bevor ich von den Schätzen berichte, möchte ich eine kurze Anmerkung machen. Als junges Mädchen war sie, so wie es sie uns erzählte, als Putzfrau beim Philosophen Martin Heidegger tätig. Und aus dieser Zeit stammte ihr wertvollster Schatz. In einer Schachtel, welche einen Ehrenplatz in der Vitrine hatte, befanden sich die Schuppen, welche ihr von den Augen fielen, als sie endlich den Meister verstand.

Auch wenn Großmuter nur die Volksschule besucht hatte, war sie dennoch an allem interessiert. Sie las gerne und viel. Besonders die deutschen Heldensagen. Deshalb war sie auch stolz auf einen anderen Schatz, welcher sich ebenfalls in der Vitrine befand. Es handelte sich um einen Ring. Als wir sie fragten, was es mit ihm auf sich habe, lächelte sie und sagte mit Sammlerstolz in ihrer Stimme: „Das ist der Ring der Nibelungen. Im Laufe der vielen Jahrhunderte ist er arg verrostet. Ich habe ihn nicht gereinigt, weil er sonst seine natürliche Schönheit verliert.“

Einmal als wir auf dem Dachboden kramten, entdeckten wir etwas, das wie eine lange graue Papierschlange aussah. Großmutter seufzte, als wir sie darauf ansprachen. „Ach, ja. Das ist eine der vielen Warteschlangen aus der ehemaligen DDR, die vor den Läden anstanden, in der Hoffnung Fleisch, Brot und Toilettenpapier zu ergattern.“

Wie schon gesagt; Großmutter las gerne und viel. Und ging des Öfteren ins Theater. Ihr hatte es besonders Shakespeare angetan, den Putzfrau und Philosoph gleichermaßen verstehen. Und der dritte Schatz in der Vitrine war ein schon arg zerlesenes Buch. Das Buch nämlich, von dem Hamlet nicht wusste, ob es sein oder nicht sein war.

Wie schon gesagt, so einiges war zusammengekommen. Ebenfalls auf dem Dachboden entdeckten wir einige, wenn nicht vom Zahn der Zeit, so doch von den Motten angefressene kleine Fahnen, mit einem seltsamen Geruch. Zuerst wollte Großmutter nicht darüber sprechen. Doch dann erzählte sie es uns doch: Es waren die Fahnen, welche Großvater des Öfteren mit nach Hause brachte, wenn er im Wirtshaus einen über den Durst geschnabbelt hatte. Wenn es um Alkohol ging, gebrauchte sie nie das Wort trinken. Ja, Großmutter neigte dazu, uns manche Stücke nur ungern zu zeigen. Einmal fanden wir im Keller unter viel Gerümpel versteckt, einen längst vergangenen schiefen Haussegen.

Es würde ein wenig ermüden, von allen Schätzen zu berichten. Zu erwähnen sei dennoch ein längst verblasstes Abendrot, in dem sie Großvater kennengelernt hatte. Ja, und dann noch den zerbrochenen Krug. Ich fragte sie, ob es der von Kleist sei. Sie schwieg einen Augenblick und sagte dann ein eher gemurmeltes Ja. Ich weiß allerdings mehr darüber. Es war der Krug, der mir aus den Händen geglitten war und den ich ihn aus Angst auf dem Dachboden versteckt hatte.

Ja, das war’s von meiner Großmutter. Heute will übrigens niemand mehr so richtig Großmutter sein. Anstatt ihren Enkeln Märchen zu erzählen, laufen sie jedem Verjüngungsdoktor nach und lassen sich ihr natürliches Gesicht zerschneiden. Zum Glück war meine Großmutter nicht so.

*

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Manfred Schröder: Nacht in der kleinen Stadt am Fluss

Nacht in der kleinen Stadt am Fluss

© Manfred Schröder

Die Nacht hängt schwarz im Hafen;
die Schiffe haben kaum Gesicht.
Maat und Kapitän, sie schlafen.
Nur der Kajüttenjunge nicht.

Ihn treiben die Gedanken.
Das Schiff, es schauckelt sacht.
Er würd‘ dem Himmel danken,
ein Mädchen für die Nacht.

Die Nacht hängt schwarz im Hafen.
Dem Jungen sind die Augen schwer.
Bald ist er eingeschlafen.
Es weht ein kalter Wind vom Meer.

Die Schiffe haben Fernweh und atmen unruhig am Kai. Das trübe Wasser des Flusses gluckst und schlägt gegen die Schiffswand. Eine Stimme, mit Rum gereinigt, singt zum Schifferklavier von Madagaskar und der Pest an Bord. Dunkle Wolken, eilig und zerrissen, treiben im kalten Nachtwind nach Osten, wo sich ein ferner Morgen am Horizont entfaltet. Ab und zu blinkt ein Stern hervor, bereit, den Seeleuten den Weg übers Meer zu zeigen. Kaschemmen und Kneipen, Orte des Frohsinns und der Sünde, haben ihre Pforten geschlossen. Nixen stehen am Ufer und singen verführerisch, wie einst an der Loreley und winken einladend mit ihren Flossen.

Hin und wieder begegnen sich Dieb und Katze auf den Dächern und in engen Hinterhöfen. Im Park, unter einer Laterne feilschen der brave Bürger und die Dirne um den Preis.

Die Häuser liegen still und geduckt wie schlafende Hunde. Für viele ist das Bett zu groß und sie wälzen sich einsam von einer Seite zur anderen und träumen ihre Wünsche und Ängste. Doch nicht alle ruhen in ihrer Kammer. Krankenschwester, Polizei und andere nützliche Wesen haben, wie der Dieb, den Tag zur Nacht gemacht und eilen geschäftig hin und her. Auch der Nachtwächter, der noch nie einen Tag gearbeitet hat, dreht getreu und gewissenhaft seine Runden. Nachtwächter haben viel gesehen und gehört. Und wenn sie sich still verhalten, dann leben sie länger. Als er wieder an der Laterne vorbeikommt, sind der brave Bürger und die Dirne schon verschwunden. Auf einer Bank sitzen drei vermummte Gestalten und die Flasche kreist von Hand zu Hand.

Aus einer Seitengasse kommt der Dieb und schaut sich vorsichtig nach allen Seiten um. Er ist müde nach harter Arbeit, doch zufrieden und mit einem schweren Sack beladen. Die Katze liegt auf dem Dach und träumt von großen und kleinen Fischen. Der Schiffsjunge, voller Sehnsucht nach unbekannten Ländern, öffnet verschlafen seine Augen und blickt auf die Uhr. Er seufzt und mit einem leisen Fluch erhebt er sich. Denn der Kapitän und der Matrose dürfen noch weiterschlafen. Beide wünscht er samt Schiff zum Teufel und wird doch, wonach er sich sehnt, an ihre Stelle treten.

Bald klappert und scheppert es in den Straßen und engen Gassen. Die Hügel von Sand und Kohle stoßen ab vom Kai und die Schiffssirenen wünschen sich gegenseitig eine gute Fahrt. Im Wasser treibt eine Leiche, ein Mann geht um die Ecke. Die Häuser öffnen ihre Augen für einen neuen Tag. Bäcker und Metzger grüßen einander über die Gasse hinweg. Die Dirne in ihrer Kammer zählt das nächtlich verdiente Geld und der brave Bürger sucht vergeblich seine Brieftasche. Und wer in der Nacht artig in seinem Bett gelegen hat, darf zur Belohnung schon früh zur Arbeit gehen.

*

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Manfred Schröder: Rufus Lämmlein

Rufus Lämmlein

© Manfred Schröder

Rufus Lämmlein war mein Volksschulklassenlehrer. So manches und manchen habe ich vergessen in den vielen Jahren. Doch Rufus Lämmlein – welch ein herrlicher und warmer Name! – taucht des Öfteren auf aus der Tiefe verblasster Erinnerungen und steht wie damals vor mir.

Er hatte es nicht leicht gehabt unter seinen Lehrerkollegen, die sich aus der Zeit der tausend Jahre herüberretten konnten und nun von Neuem, unterm christlichen Madonnenmantel versteckt, ihr braunes Gift verspritzten. Dieser Melomane mit dem milden Melanchthon-Gesicht und dem melancholischen Blick war ein Spiegel, in dem man ein anderes Deutschland erblickte. Er muss einen besonderen Schutzengel gehabt haben, dass er die Zeit der alles zertretenden Stiefel und herausgebrüllten Lieder überlebt hat. Sein braunes Haar war lockig, sein Gang ein wenig schlurfend, im Gegensatz zum kurzem Schnitt und forschem Gang seiner Kollegen. Er sprach leise und langsam, als wolle er kein Wort ungeprüft ins Freie lassen. Sein Hauptfach war Geschichte. Wenn er vor uns in der Klasse stand, saßen selbst die Lautesten unter uns still. Denn Rufus Lämmlein lehrte keine Geschichte, sondern erzählte sie. Da das Tausendjährige Reich tabu war, entführte er uns, oft den offiziellen Lehrplan missachtend, in die Antike. Wir haben zwar wenig von dieser Zeit verstanden, doch Herkules und Odysseus wurden zu guten Freunden.

Und Lämmlein hatte Humor.

Ich hatte etwas von Sokrates aufgeschnappt und wollte Lämmlein damit imponieren. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, sagte ich zu ihm.

Er lächelte. „Ich weiß. Wärest du Sokrates, ich würde dich weise nennen. Doch ich fürchte, dass du das nächste Schuljahr wiederholen musst.“

Na, ich habe es dennoch geschafft. Ich musste ja nicht so weise wie der Sokrates sein.

Ja, Rufus Lämmlein. Einer der liebsten Menschen, die ich kennenlernen durfte. Doch es war einfach nicht die Zeit für liebe Menschen. Und es kann der beste Deutsche nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nazi nicht gefällt. Eines Tages war Lämmlein verschwunden. Man hatte ihn versetzt. Wohin, das habe ich nie erfahren. Und ich habe ihn auch nie mehr wieder gesehen.

Von da an stand ein von Schmissen zerrissenes Gesicht vor uns und schnarrte von Helden und Germanentum.

Ich bin kein religiöser Mensch. Doch ich bin sicher, dass Rufus Lämmlein jetzt auf einer rosaroten Wolke sitzt und mit anderen Engeln Vivaldi und Purcell musiziert.

Als ich zwanzig Jahre alt war, habe ich das Land wie einen zu engen Mantel abgelegt und nie mehr wieder gesehen. Bizet statt Wagner; Wein statt Bier, François Villon statt Siegfried.

Doch, sein Vaterland kann man verlassen, seine Muttersprache nie.

*

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Manfred Schröder: Fast ein Tag wie jeder andere

Fast ein Tag wie jeder andere

© Manfred Schröder

Die Abendglocken der Kapelle Sainte-Chapelle klangen verhalten zum Pont Neuf herüber. Der Tag war heiß gewesen und die Touristen hatten sich müde und verschwitzt von einer Sehenswürdigkeit zur anderen geschleppt. Jetzt, im rötlichen Licht der untergehenden Sonne hatten sich Wolken angesammelt und ein angenehmer Wind machte die Luft kühl und erträglich.

Auch ich war müde. Der Tag war nicht gut gelaufen. Hatte mich stundenlang im Gare du Nord aufgehalten. Doch die Ausbeute war gering. Nur wenige Touristen waren auf den Trick hereingefallen: „Können Sie nicht einem armen Landsmann aus der Klemme helfen? Habe mein Geld verloren und brauche ein paar Euro, um meinen Koffer, der sich schon über der Zeit im Schließfach befindet, herauszubekommen.“

Die meisten kannten den Trick. Andere brauchten ihr Geld selbst.

Schade, dass heute keine Amerikaner da waren. Die waren lockerer und großzügiger. An Franzosen machte ich mich nicht heran. Man konnte nie wissen, ob man nicht an einen Zivilbeamten kam. Ein Flic war meistens freundlich. Doch bei denen im Zivil wussste man nie. Zum Glück hatte es für ein Essen bei Ali gereicht und für eine Flasche Wein. Seit einigen Nächten musste ich nicht mehr draußen schlafen. Derreck, ein alter Amerikaner mit dem Aussehen und Fluchvokabular eines Bukowski, der schon lange in Paris lebte, hatte einen leeren Kleinlaster mit Plane ausfindig gemacht, der wohl schon längere Zeit ungenutzt am Seineufer stand. Wir ließen auch tagsüber unsere Schlafsäcke dort. Ein kleines Risiko, das man eingehen musste. Ich hatte Derreck in der La Santé kennengelernt, und wir wurden am selben Tag entlassen. Viele denken dabei übrigens an ein Krankenhaus. Ich habe Derreck nie gefragt, warum er gesessen hatte. Und über mich möchte ich nicht sprechen. Er kannte Paris ziemlich gut und kannte Quellen, die man anzapfen konnte. Doch ich wollte lieber meine eigene Tour drehen. Wir trafen uns meist nach getaner Arbeit am Pont Neuf.

An diesem Abend hatten sich ein paar Touristen eingefunden. Doch ich hatte keine Lust und war zu müde, Opfer ausfindig zu machen. Eine noch ziemlich junge Amerikanerin in Begleitung eines älteren Herrn blickte öfters zu mir herüber. Sie hätte mir gefallen. Doch ich wagte nichts zu unternehmen. Wegen ihrer Begleitung und weil ich heute nicht gut roch. Ich wollte morgen am Gare du Nord eine Dusche nehmen und das Unterzeug und Hemd wechseln. Den Koffer hatte ich im Ali untergestellt.

Es war schon zehn Uhr, als Derreck kam. Die meisten Touristen waren schon gegangen und einige Clochards hatten sich zum Schlafen niedergelegt. Derreck war nicht alleine. In seiner in Begleitung befand sich ein junger Amerikaner mit einer Guitarre über der Schulter, der einen Platz für die Nacht suchte. Derreck stelle ihn mir als John vor. Ich war nicht begeistert. Denn bald würden noch mehr Leute von dem leeren Lastwagen wissen und die Gefahr der Entdeckung war groß.

Derreck beruhigte mich. „Nur für eine Nacht.“

Er hatte zwei Flaschen Wein mit sich. Ich hoffte, dass er nicht zu viel trank. Denn dann kam meist der wahre Derreck zum Vorschein. Seine schmutzigen Witze, sein wildes Fluchen und seine Aggressivität.

Auf einmal kam mir der Gedanke, könnte Derreck homosexuell sein . Ich konnte das nicht so recht begründen. Mich hatte er nie belästigt. Allerdings ich hatte ihn noch nie mit einer Frau gesehen. Aber die Art, wie er John ansah und ihn manchmal berührte.

Ich fasste den Entschluss, mich von Derreck zu trennen. Zumal er mir in der letzten Zeit sowieso auf die Nerven ging. Einfach zum Lastwagen gehen, den Schlafsack nehmen und für die Nacht einen anderen Platz suchen. Ich stand auf und sagte nur, dass ich gleich wiederkäme. Derreck nickte nur. Vielleicht ahnte er mein Vorhaben und war froh mit John alleine zu sein.

Als ich vom Pont Neuf in den Quai de l´Horloge einbog, stand plötzlich die Amerikanerin vor mir. Sie lächelte. „Will yoy came with me“, sagte sie nur. Und als ich schwieg, fügte sie hinzu. „I’m not what you may think. My name is Sarah.“

Ich dachte auch nicht daran und es war mir auch egal. Ich dachte daran, dass ich nur ein paar Euro in der Tasche hatte und die Notreserven nicht anbrechen wollte. Und dass ich neue Unterwäsche und ein anderes Hemd brauchte.

Ich erklärte ihr meine Situation. Sie lachte nur. „Allrigth.“

Sie winkte ein Taxi heran und wir fuhren zum Ali.

Ich schätzte Sarah auf dreißig Jahre. Sie war ziemlich schlank und hatte rote, kurz geschnittene Haare. Ich tippte auf irische Vorfahren. Vielleicht war sie eine von den Amerikanerinnen, die hier in Paris ihre geheimen Wünsch auslebten und daheim wieder die gute Ehefrau und Mutter spielten. Oder auch nur die Tochter aus reichem Hause, die sich mit Hilfe von Daddys Geld vergnügte. Auch das war mir egal. Endlich ein weiches Bett für dies und das andere.

Wir schwiegen im Taxi und als wir beim Ali ankamen, sagte sie nur: „Go to get your suitcase. I shall wait here.“

Ali hatte Lust, mit mir zu schwatzen, doch ich vertröstete ihn auf ein andermal. Ich holte nur schnell den Koffer und ging zum Taxi zurück. Wir fuhren zur Rue de la Huchette, wo sie in einem kleinen Hotel untergebracht war. Sie sprach mit der Frau an der Reception einige Worte, die nur lachte und uns bonne nuit wünschte.

Zwei Tage war ich mit Sarah zusammen. Wir besuchten Museen und aßen in guten Restaurants. Sie bezahlte alles, weil sie das Geld hatte.

Am dritten Tage sagte sie nur lächelnd: „Take your grip. The party is over.“

Ich kannte solche Situationen. Nahm meinen Koffer und fuhr zum Ali.

In der Zeitung las ich, dass man die Leiche eines jungen Mannes in einem abgestellten Lastwagen am Ufer der Seine gefunden hatte. Anscheinend zuerst missbraucht und dann getötet.

Von Derreck habe ich nie mehr etwas gehört.

*

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Manfred Schröder: Der Diätstuhl

Der Diätstuhl

© Manfred Schröder

Es war einmal ein Mann, der gerne und viel aß und daher sehr dick war. Deshalb brachen alle Stühle, auf die er sich setzte, schon nach kurzer Zeit unter seinem Gewicht zusammen und er musste sich ständig einen neuen kaufen.

So ging er wieder einmal in die Stadt, um nach einem neuen Stuhl Ausschau zu halten. Als er am Schaufenster eines Möbelgeschäftes vorbei kam, sah er in der Auslage einen Stuhl stehen, an dem er sofort Gefallen fand. Er betrat das Geschäft und kaufte ihn.

Als er nach Hause kam und sich auf sein neuerworbenes Stück wollte setzen, fühlte er ein Fallen, welches kein Ende nehmen wollte, und er saß auf dem Boden.

„Na nu“, dachte er erstaunt, „was ist das? Warum sitze ich auf dem Boden und nicht auf meinen Stuhl?“

Der Stuhl stand brav auf seinen vier Beinen neben ihm.

Der Mann erhob sich und wollte sich setzen. Doch wieder schien er endlos zu fallen und abermals saß er auf dem Boden.

Seine Verwunderung ging in Ärger über. Ein Stuhl, der ihn zum Narren hielt!

Mühsam erhob er sich und wollte ihn fassen. Doch seine Hände griffen ins Leere. Der Stuhl hatte einen eleganten Sprung zur Seite gemacht.

Jetzt überkam den dicken Mann die Wut. „Nicht mit mir!“, schrie er und griff abermals nach ihm. Doch jedes Mal, bevor er ihn fassen konnte, hüpfte der Stuhl vorwärts.

Der dicke Mann gab nicht auf und lief ihm nach. Aber der Vierbeiner war schneller. Die Verfolgung ging durch alle Zimmer, die Treppe hinauf und hinab. Doch er konnte ihn nicht fassen.

So vergingen die Stunden und es wurde Abend. Da konnte der dicke Mann nicht mehr. Müde und fast zu Tode erschöpft blieb er vor dem Spiegel im Flur stehen. Doch was sah er da? Stand er vor einem Zauberspiegel? Er sah einen schlanken Mann, dem die Kleider viel zu groß geworden waren. Der Stuhl hatte ihm alle Kraft und alle überflüssigen Pfunde genommen! Lange blieb er vor dem Spiegel stehen und betrachtete sich.

Dann ging er zum Stuhl, welcher artig stehen blieb, und setzte sich.

Nie wieder musste sich der dicke Mann – nein, nicht mehr der dicke, sondern der schlanke Mann – einen neuen Stuhl kaufen!

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Manfred Schröder: Augenblicke

Augenblicke

© Manfred Schröder

Das Gras hatte längst die Höhe überschritten, wo man noch von einem gepflegten Rasen hätte sprechen können. Dazwischen gelbliche Pflanzen, von denen Liisa nicht wusste, wie sie hießen. Auch durch den Schotterboden, der den Weg vom Gartenzaum zum Haus bedeckte, wucherte es grün hervor. Es war noch früh am Morgen, doch die Sonne wollte heute wohl alles wieder gutmachen, was sie die letzten Tage versäumt hatte. Am wolkenlosen Himmel strahlte sie, von einem leichten Wind gemildert, schräg über die Birken, die in einer Dreiergruppe im Garten standen, herab.

Eine Zeitlang stand sie unschlüssig am Fenster und schaute hinaus. Sich noch eine Tasse Kaffe kochen oder doch die unbequeme Arbeit mit dem Rasenmäher beginnen, dessen Messerbalken fast jede Schärfe verloren hatten. Sie entschied sich für eine Tasse Kaffee, zumal es auch Zeit war, Jukka zu wecken und ihm das Frühstück zuzubereiten.

Erst beim dritten Klopfen gegen die Tür seines Zimmers hörte sie ein ärgerliches „Ja, ja …“

„Ich koche jetzt deinen Brei.“

Jukka gab nur etwas Brummendes von sich.

„Wenn du nicht kommst, musst du ihn kalt essen, verstehst du?“

Sie wartete erst gar keine Antwort ab und ging in die Küche. Bald hörte sie das vertraute Zischen des Wassers, welches in den Filter tropfte.

Während der Brei im Topf brodelte, dachte sie daran, dass Jukka den Rasen mähen könnte. Er hatte Sommerferien und genug Zeit für seine eigene Freizeitgestaltung. Meist saß er vor dem Computer und spielte irgendwelche Spiele, die ihr manchmal Schrecken einjagten. An anderem schien er kein Interesse zu haben. Zuweilen trieb er sich mit seinen Freunden aus der Nachbarschaft irgendwo herum und kam erst spät nach Hause. Jukka war zehn und schien unaufhörlich zu wachsen. Manchmal hatte sie das Gefühl, dass er ihr aus den Händen glitt. Doch ihr fehlte die Kraft, dem Einhalt zu gebieten. Vielleicht wollte sie etwas gutmachen, was sein Vater mit seinem ewigen Genörgel und Handgreiflichkeiten Jukka angetan hatte. Jetzt war er gegangen, doch sie war noch immer hilflos.

Nachdem sie ihren Kaffee getrunken hatte, erhob sie sich und klopfte wieder an Jukkas Tür. „Der Brei ist fertig. Nimm dir Beeren aus dem Eisschrank. Ich bin im Garten.“

Er sagte etwas, das sie nicht verstand.

Die Standuhr in der Diele schlug neun und sie ging nach draußen. Sie wollte es doch mit dem Gras versuchen. Aus dem Schuppen nahm sie den Handrasenmäher und ging zur Holzbank um noch eine Zigarette zu rauchen. An ihren nackten Beinen fühlte sie ein weiches Reiben. Miiri, die Katze machte sich schmeichelnd bemerkbar und blickte sie aus ihren runden Augen an. An ihrem rechten Ohr klebte Blut. Sie musste wohl wieder in der Nacht mit einem Rivalen um das Revier gekämpft haben. Liisa streichelt sie nur einmal über den Rücken und ließ dann von ihr ab. Ihr Blick ging über die Felder, die vor ihr lagen. Kein Korn wogte da im leichten Sommerwind. Es waren Kartoffeläcker, die sich flach bis zum Horizont ausdehnten. Im Herbst würde sie den Bauern wieder helfen um etwas Geld dazu verdienen. Der Lohn im nahen Lebensmittelgeschäft, wo sie als Verkäuferin arbeitete, reichte so eben zum Leben. Zum Glück gehörte das Häuschen ihr. Sie sah auf den Rasenmäher und wollte sich erheben. Doch dann wusste sie, dass sie nichts tun würde. Auch Jukka nicht. Wenigstens nicht heute. Man brauchte einen neuen Rasenmäher.

Von der Tür her hörte sie seine Stimme. „Es ist kein Käse da.“

In ihren Ohren war es die unzufriedene Stimme seines Vaters.

„Ja, ich weiß. Doch geh ins Geschäft und kaufe was.“ Ohne sich umzudrehen, wusste sie, wie er jetzt dastand. Mit hochgezogenen Unterlippen und mit zusammengebissen Zähnen. „Oder du musst warten, bis zum Abend. Wenn ich von der Arbeit komme.“

Sie hörte seinen Fußtritt gegen die Tür. Sie schloss die Augen. Der Wind strich sanft über ihr Gesicht. Die Berührung tat ihr gut und sie wünschte, dass dieser Augenblick zur Ewigkeit werden würde. Doch nur einen Moment war ihr dieser Zustand gegönnt. Dann überfiel sie ein Schrecken, eine Angst, derer sie sich nicht zu wehren wusste und der sie hilflos ausgeliefert war. Es war die Angst vor dem Leben. Ein Frösteln durchzog sie und ihr Blick wurde starr. Dann löste sich alles in ihr. Sie verbarg ihren Kopf in die Hände und Tränen stürzten aus ihren Augen. Ihr Körper wurde vom Schluchzen hin und her gerüttelt. Sie bemerkte nicht den Nachbar, der über die Hecke mit fassungslosem Blick zu ihr herüberschaute, und gewahrte auch Jukka nicht, der jetzt hilflos neben ihr stand.

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